03 · Lkw-Abbiege- & Toter-Winkel-Konflikt
Der Gefahrentyp hinter den tödlichen Radunfällen
Die Sichtweiten-Analyse der ursprünglichen Studie prüft das Einbiegen von Pkw aus Nebenstraßen. Die tödlichen Radunfälle 2026 entstanden jedoch durch ein anderes Muster — einen von der Reichsstraße abbiegenden Lkw, der den neben oder vor ihm fahrenden Radfahrer übersieht.
Einordnung
Warum dieser Konflikt eine eigene Betrachtung braucht
Die Pkw-Analyse prüft die Sichtweite beim Einbiegen aus der Nebenstraße (Schenkellänge nach RVS 03.05.12). Die tödlichen Radunfälle 2026 entstanden aber durch ein anderes Muster: ein Lkw, der von der Reichsstraße abbiegt und den neben oder vor ihm fahrenden Radfahrer übersieht. Dieser Konflikt wird durch längere Schenkellängen nicht entschärft — er verlangt eine eigene Betrachtung der Radführung im Knoten.
Dokumentierte Belege
Fünf von sechs dokumentierten Rad-/E-Bike-Fällen am Korridor sind Lkw-Abbiegekonflikte, davon zwei tödlich (2026). → Dokumentierte Fälle
Der statistische Fingerabdruck
Auch die amtlichen Merkmale 2013–2025 stützen das Muster: 45 % aller Korridor-Unfälle sind Kreuzungs-, Abbiege- oder Einbiegetypen, Vorrangverletzung ist mit 24 % die zweithäufigste Ursache, und 16 Unfälle hatten Lkw-Beteiligung. Der Abbiege-/Kreuzungskonflikt ist damit nicht nur medial belegt, sondern der häufigste Unfallmechanismus am Korridor.→ Datenauswertung
Das Konfliktmuster
Zwei Typen, ein gemeinsamer Kern
Typ 1 — Rechtsabbieger („Right Hook")
Der häufigste Tötungsmechanismus: Der Lkw biegt nach rechts in die Nebenstraße ab. Der Radfahrer fährt am rechten Fahrbahnrand bzw. Radstreifen geradeaus. Beim Abschwenken überstreicht die rechte Fahrzeugseite den Radstreifen — der Radfahrer befindet sich im toten Winkel front-rechts.
→ 08.05.2026, Blumenaustraße: tödlich.
Typ 2 — Linksabbieger / Abbiegen bei Grün
Der Lkw biegt nach links (auch „halblinks" bei Ampel) ab und übersieht den entgegenkommenden oder querenden Radfahrer.
→ 12.06.2026, Lustenauer Hof (Ampel): tödlich. — 16.06.2026, Blumenaustraße: E-Biker, Notbremsung/Sturz.
Gemeinsamer Kern
Großes Fahrzeug und ungeschützter Radfahrer im selben Knoten, zeitgleich, bei eingeschränkter direkter Sicht des Lenkers. Spiegel und Assistenzsysteme schließen die Lücke nur teilweise.
Ursache
Warum die heutige Führung versagt
- Radstreifen rechts neben dem Abbieger: Der Radfahrer wird genau dort geführt, wo der Lkw abschwenkt — der gefährlichste denkbare Ort.
- Kein Sicht-/Zeitversatz: Lkw und Rad erreichen den Konfliktpunkt gleichzeitig; keine bauliche oder signaltechnische Trennung.
- Toter Winkel: Bei Lkw ohne Abbiegeassistent ist ein Radfahrer unmittelbar rechts der Kabine für den Lenker nicht direkt sichtbar.
- Hoher Lkw-Anteil (Zollverkehr): Die L203 führt Zoll- und Schwerverkehr — die Eintrittswahrscheinlichkeit des Konflikts ist überdurchschnittlich.
Rahmen
Rechtlicher und normativer Rahmen
- RVS 03.02.13 „Radverkehr": Anforderungen an die Radverkehrsführung und Sichtbeziehungen im Knoten; Grundlage für getrennte bzw. geschützte Führung und Aufstellbereiche.
- StVO § 12/13 (Abbiegen), § 19 (Vorrang): Der Abbiegende hat auf den längs geführten, bevorrangten Radverkehr zu achten — die Infrastruktur muss das ermöglichen, nicht erschweren.
- VO (EU) 2019/2144 (General Safety Regulation): Abbiege-/Toter-Winkel-Assistent für neue Lkw-Typen seit 2022, alle Neuzulassungen seit Juli 2024. Die Bestandsflotte ist überwiegend nicht ausgerüstet — die Infrastruktur muss die Lücke kompensieren, solange die Flotte nicht umgerüstet ist.
- Vision Zero: Tödliche Unfälle mit ungeschützten Verkehrsteilnehmern sind vorrangig zu eliminieren.
Maßnahmen
Priorisierte Maßnahmen
Von der sofort umsetzbaren Markierung bis zur baulichen Lösung — geordnet nach Wirkung und Aufwand.
A · Sofort — gering-investiv, Wochen
- Vorgezogene Haltelinie + aufgeweiteter Radaufstellstreifen (ARAS) an den Ampelknoten (Lustenauer Hof, Blumenaustraße): Radfahrer warten sichtbar vor dem Lkw.
- Sichtfeld freihalten im Abbiegebereich (kein Parken, Hecken-/Eckbepflanzung zurückschneiden — verknüpft mit der Pkw-Sichtanalyse).
- Konfliktfläche rot einfärben und Markierung „Radfahrer kreuzen" zur Auffälligkeit.
- Trixi-Spiegel an den Ampeln als Übergangslösung (begrenzte Wirkung, kein Ersatz für die bauliche Lösung).
B · Baulich — mittelfristig, die eigentliche Lösung
- Geschützte Kreuzung („Protected Intersection"): Eckinseln zwingen den Lkw zu langsamem, steilerem Abbiegen; die Radquerung wird rund 3–5 m zurückversetzt, sodass der Lenker den Radfahrer nach dem Einlenken frontal sieht.
- Bauliche Trennung der Radführung im Knotenbereich statt Mischverkehr/Randstreifen.
C · Signaltechnisch
- Konfliktfreie Signalisierung: eigene Grünphase für Radfahrer/Fußgänger, getrennt vom abbiegenden Kfz-Strom — die zeitliche Trennung eliminiert den Konflikt vollständig.
D · Organisatorisch — Lkw / Zollverkehr
- Abbiegeassistent-Pflicht bzw. -Förderung für kommunale Flotten und — über Land/Zoll — für den Zollverkehr.
- Routing/Abbiegeverbote für Schwerverkehr an der kritischsten Stelle prüfen; Anknüpfung an das bereits geforderte Lkw-Nachtfahrverbot und Dosierungskonzept (Gemeinde-Forderung 2024).9
Bezug zu den Unfalldaten
Die Statistik wies Blumenaustraße und Lustenauer Hof bereits 2013–2025 als Häufungsstellen aus. 2026 starben dort zwei Radfahrer — beide durch abbiegende Lkw. Genau dieser Konflikt ist baulich lösbar.